Linkswinkel-Kreuz der Bildung
Am meisten lernst du dort, wo dir jemand etwas zeigt, das du erst im Tun verstehst, und wo du es später an andere weitergibst. Bildung entsteht hier aus dem Ordnen von Erfahrung: Ein Gedanke wird behutsam formuliert und daran gemessen, ob er zu deinem eigenen Erleben passt. Dafür brauchst du Menschen, die zuhören, nachfragen oder mitmachen, denn an ihren Fragen prüft sich ein Einfall. Lernen und Weitergeben greifen so ineinander, und beides geschieht zwischen Menschen.
Lebensthema
Gemeint ist ein Kreislauf: Etwas geht dir auf, du erprobst es im eigenen Leben, du findest Worte dafür und gibst es weiter. Lebendig wird Wissen bei dir, sobald ein anderer Mensch es aufnimmt, bezweifelt oder ergänzt; so führt der Linkswinkel diesen Kreislauf in die Begegnung. Du lernst im Austausch, und dein Austausch regt wiederum andere zum Lernen an.
Der Name beschreibt ein Verständnis, das sich über die Jahre aus Erlebtem aufbaut und sich verändert, wenn du es teilst. Manches bleibt lange unfertig, bis ein Gespräch es klärt. Ob du gerade lernst oder zeigst, wechselt von Lebensphase zu Lebensphase und oft mitten am selben Tag.
Die vier Tore
11 (Ideen) im liefert das Rohmaterial: Fragen und Vorschläge, die beim Lernen und Lehren auftauchen. Tor 12 (Vorsicht) im wägt ab, wann davon etwas ausgesprochen wird und wann es noch reifen darf. Dadurch kann das Gesagte ankommen, weil es zur Lage passt und zu dem Menschen, dem du es sagst.
Die beiden anderen Tore liegen im und geben dem Ganzen Boden. Tor 25 (Geist des Selbst) lässt dich Menschen und Situationen mit einer Offenheit begegnen, die ihnen keinen Stempel aufdrückt. Tor 46 (Bestimmung des Selbst) lässt Gelerntes erst gelten, wenn es sich im eigenen Leben bewährt hat.
Bildung entsteht hier aus beiden Paaren: Die ersten beiden sammeln und formulieren, die anderen beiden öffnen und erproben. So kann eine Idee im Gespräch ihre Form finden und danach im Erleben bestehen oder sich wandeln.
Im Alltag
Im Kunstmuseum, in das dich deine Tante als Kind mitnimmt, bleibst du vor einem Wandbild stehen und fragst, warum gerade diese Farben gewählt wurden. Mit Anfang zwanzig nimmst du einen Freund zu einem Konzert mit, das du gerade erst entdeckt hast, und suchst auf dem Heimweg nach Worten dafür, was dich daran berührt hat. Später gehst du durch eine Handschriftenausstellung im Stadtarchiv und erzählst einer Besucherin, was dir an einer Seite auffällt; ihre Rückfrage lenkt deinen Blick auf eine Randnotiz, die dir entgangen war.
In der Judohalle, in der du mit acht zum ersten Mal auf der Matte landest, merkst du, dass das Fallen geübt wird, und schaust dir bei den Älteren ab, wie sie abrollen. Mit Mitte zwanzig hilfst du beim Anfängertraining aus und überlegst vorher, welcher Satz einer Neuen den Einstieg erleichtert und welcher sie bremst. Mit Anfang vierzig meldest du dich spontan zu einem Frisbee-Turnier an, spielst mit einer Mannschaft, die du nicht kennst, und lernst von den Jüngeren neue Würfe.